Kein Weg zurück

Kein Weg zurück

es lohnt sich etwas zu wagen

Auf der Suche nach anderen sportlichen Herausforderungen war ich im letzten Sommer mit meinem Team für ein paar Tage im Outdoor-Trainingslager. Wie sich herausstellte eine wertvolle Erfahrung, nicht nur für meine Spieler. Was sich junge Fußballer alles einfallen lassen, nur um eine Ausrede parat zu haben, eben nicht an einem "Survival-Camp" teilnehmen zu müssen, war mir vorher in dieser Form auch noch nicht begegnet - egal - am Ende waren dann doch alle dabei. Wir erlebten vier unvergessliche Tag, die auch mir wieder zeigten, dass immer was geht!

 

Das eigentliche Ziel des Trainingslager bestand darin die Jungs aus ihrer "Komfort-Zone" zu locken. Neben Camping ohne Strom und fließend Wasser, Selbstverpflegung und Kochen am offenen Feuer, standen sportliche Aufgaben wie Paddeln, Kletterhalle, Hochseilgarten und eine Radtour auf eine Alm auf dem Programm. Nach einer kurzen ersten Nacht unter freiem Himmel machten wir uns auf in die Kletterhalle. Die Stimmung war locker und die Jungs imponierten und pushten sich gegenseitig zu immer besseren Leistungen in der Kletterwand. Ich stand zunächst inmitten der Halle und beobachtete das Treiben, wie man das als Trainer eben so macht. Mit der Zeit rückte ich immer näher an die Kletterwand, half Spielern beim Sichern und kontrollierte den richtigen Sitz der Gurte. Ehe ich darüber nachdenken konnte, stand ich an der Wand, hatte ein Seil in der Hand und selbst einen Gurt an. Während ich da so stand und ein paar Spieler sicherte, ertappte ich mich dabei, wie ich immer wieder hoch schaute und in den "Sicherungspausen" den Kontakt zu den Griffen suchte. Meine letzte eigene Klettererfahrung lag ungefähr 18 Jahre zurück, fand in der Sporthalle der TH Darmstadt statt und war nicht wirklich von Erfolg gekrönt.

 

Frag dich nicht was du zu verlieren hast - es gibt immer etwas zu gewinnen!

 

Was kann denn schon passieren. Im schlimmsten Fall machst du dich zum Gespött der Mannschaft - aber wenn du es schaffst! "Kannst du das auch? Geht das noch? Machst du dich jetzt vollkommen lächerlich, wenn du es versuchst und nach 30 cm merken musst, dass es eben doch nicht funktioniert?" Die Gedanken kreisten immer deutlicher durch meinen Kopf. "Probier ich das jetzt, auch auf die Gefahr ihn, dass es eben nicht funktioniert. Ach was, lass es, so wichtig ist es ja doch nicht - wenn du Zuhause bist, ärgerst du dich wieder, dass du es nicht versucht hast. Also nutze die Chance, wenn sie sich bietet - aber wenn es nicht funktioniert, was sagen dann die Jungs?" Es ist schon erstaunlich, was mir alles durch den Kopf ging, als ich da so stand. Als gerade wieder mal einer der Spieler von der Wand abgestiegen war, drückte ich ihm das Seil in die Hand und gab ihm zu verstehen, das er mich doch jetzt bitte mal sichern solle. Er schaute mich mit großen Augen an.

 

 

Ja, ich versuch das jetzt! Und so machte ich mich auf den Weg nach oben. Von Griff zu Griff, von Tritt zu Tritt. Immer schön mit der Unterschenkelprothese steigen und auf der Oberschenkelprothese stehen. Körper an die Wand und das Gewicht möglichst nah unter die Füsse, soviel wusste ich noch. Langsam aber stetig kam ich Stück für Stück weiter nach oben und die Aufmerksamkeit unter mir steigerte sich mit jedem Griff den ich weiter nach oben stieg. Am Ende hatte ich es immerhin bis auf 2/3 nach oben geschafft, als fehlende Kraft und mangelnde Technik ein Weiterkommen beendeten. Die Traube der Spieler unter mir hatte sich mittlerweile vergrößert und ich sah Respekt und offene Freude in ihren Augen. Neben der Genugtuung, die schlechten Gedanken beiseite geschoben und es gewagt zu haben, wohl das größte Geschenk! Ein Erlebnis, von dem nicht nur ich noch lange erzählen werde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, was mich einen Tag später erwarten würde. Auf dem Programm stand eine Radtour zum Hochseilgarten und die anschließende Weiterfahrt auf eine Alm. Während der Radtour musste ich mir schon immer wieder mal den einen oder anderen Spruch der Jungs anhören, weil sie mit ihren Mountainbikes schneller waren als ich mit dem Handbike - aber egal, da musst du durch, wenn du solche Aktionen mitmachst.

 

Im Hochseilgarten angekommen, war die Stimmung gut, um nicht zu sagen ausgelassen. Nichts ahnend schnallte man auch mir einen Gurt um, wenngleich keiner damit rechnete, dass ich auch nur einen Schritt auf einen dieser Bäume setzen würde. Nachdem alle den Einführungsparcours absolviert hatten, machte auch ich mich auf den Weg über die ersten kleinen Hindernisse. Soweit kein großes Problem, ging es ja auch vornehmlich um die Handhabung der Sicherungen und der Gurte. Infiziert von den ersten Schritten über die kleinen Hindernisse, machte ich mich auf den Fußweg nach oben zum Einstieg in den Hochseilgarten. Ein, wie sich zeigte durchaus anstrengender und sehr schwieriger Weg, wenn man wie ich mit zwei Beinprothesen unterwegs ist. Zwei meiner Jungs hatten mich beim hochlaufen unterstützt und so standen wir nun zu dritt am Einstieg in die verschiedenen Varianten des Kletterparks. Die beiden machten schon mal die erste kleine Runde, während ich wie ein Tiger hin und her stiefelte und immer wieder mit den gleichen Gedanken kämpfte.

 

Jetzt hast du dich schon hier hoch gequält, dann mach auch was draus - ne! Den Weg gehst du jetzt nicht wieder runter

 

Auf der anderen Seite die mahnenden Worte der Guides, die mich immer wieder darauf hinwiesen, dass sie noch keinen mit Prothesen gesehen hatten, der sich hier versucht habe und dass sie sicherlich keine Lust hätten mich irgendwo zwischen den Bäumen zu evakuieren. "Aber dieser Weg nach unten - keine Alternative! Wofür habe ich mich denn dann hier hochgequält, wenn ich jetzt wieder den gleichen Weg nach unten nehmen muss." Jeder, der schon einmal im Winter mit der Gondel auf den Berg gefahren ist, kennt dieses Gefühl. Du willst einfach nicht wieder mit der Gondel runter, dafür gibt's ja schließlich Ski.

 

Hoch obenAls die beiden Jungs dann wieder von einer Runde zurückkamen, schaute ich sie kurz an. "Helft ihr mir? Alleine schaffe ich das sicherlich nicht!" Ein kurzes Nicken und los ging's. Einer der Jungs vorne weg, dann ich und schließlich der Dritte hinterher. So balancierte, quälte und wackelte ich mich mit der bravourösen Unterstützung meiner Begleiter von Baum zu Baum. Immer höher ging es hinaus und ich fragte mich des Öfteren, was ich denn hier jetzt eigentlich gerade tue. Die Hindernisse wurden schwieriger und irgendwann stand ich dann mittendrin. "Scheiße, was jetzt... weiter - wie soll das denn gehen, aber zurück kannst du auch nicht mehr. Und was machst du jetzt? Hier oben warten bis dich einer der Guides evakuieren kommt? Das kommt überhaupt nicht in Frage, du bist mit deinem Wahnsinn bis hierhin gekommen, also dann zieh es gefälligst auch durch!" Mir ging so einiges durch den Kopf da oben. Die Höhe spielte dabei eigentlich eine völlig untergeordnete Rolle, ich wollte einfach nicht irgendwo im Gurt hängen und darauf warten müssen, bis mich jemand holen kommt. Also, Augen zu und durch, oder in meinem Fall, Augen auf, alle Konzentration und Kraft zusammen nehmen und mit der überragenden Unterstützung meiner Begleiter bis zum Ende weiter. So schafften wir es von Hindernis zu Hindernis und zum Abschluss warteten herrliche Seil-Rutschen als Belohnung auf uns und ganz wichtig - ich musste den Weg nicht zurück laufen!

 

Wozu gibt es denn einen Hochseilgarten!

Mittlerweile hatte es sich auch bei den anderen herum gesprochen, was der Verrückte wieder mal gemacht hatte. Als Belohnung erntete ich an diesem Tag viel Hochachtung und den vollsten Respekt meiner Spieler. Aber auch fremde Menschen sprachen mich an und gratulierten mir spontan zu meiner ungewöhnlichen Leistung. Sicherlich schön, viel wichtiger für mich persönlich aber war die Auseinandersetzung mit einer völlig neuen Situation. Die Überwindung der Grenzen im eigenen Kopf aber auch die in den Köpfen der anderen. Einem wie mir hatte man diese Passage zuvor nie zugetraut. Was bestimmt nicht an mir lag, sondern einfach an der Tatsache, dass so was eben vorher so noch keiner gemacht hatte.

 

Was alle anderen nicht wirklich wahr genommen hatten, für mich aber von viel größerer Bedeutung war, war die Hilfsbereitschaft meiner beiden Spieler. Ohne sie hätte ich es nie gewagt und sowieso nie geschafft. Sie hatten den eigene Nervenkitzel, Freude und Spaß, das Wetteifern mit den Kollegen und Bestätigung des eigenen Egos völlig in den Hintergrund gestellt, um mich zu begleiten und mir diese Erfahrung zu ermöglichen. Sie teilten meine Freude über jedes überwundene Hindernis und machten mir so ein großes Geschenk. Sie haben wirklich Außergewöhnliches geleistet an diesem Tag!

 

Danke für euren Support und diese Erfahrung